Interpretation der sumerischen Königsliste

Autor: Dr. Dr. Robin Wellmann

Die in diesem Artikel vorgestellte Interpretation der sumerischen Königsliste basiert auf der hier veröffentlichten Neuübersetzung.

Interpretation der sumerischen Königsliste

Einleitung

Die Sumerische Königsliste (SKL) gehört zu den ältesten historiographischen Dokumenten der Menschheit. Sie wurde vermutlich während der altbabylonischen Zeit (ca. 1900–1600 v. Chr.) in ihrer uns bekannten Form zusammengestellt und verzeichnet Dynastien von den mythischen Anfängen des Königtums bis in die historisch belegte Zeit. Das bekannteste Exemplar ist das Weld-Blundell-Prisma WB 444, das sich heute im Ashmolean Museum in Oxford befindet.

Seit der ersten Veröffentlichung durch Langdon (1923) und der maßgeblichen kritischen Edition durch Jacobsen (1939) hat sich eine feste Übersetzungstradition etabliert, die den Text vorwiegend durch akkadische Lexika und Grammatik erschließt. Diese Tradition versteht die SKL als eine chronologische Auflistung von Herrschern mit ihren jeweiligen Regierungszeiten.

Dabei stößt die traditionelle Interpretation auf erhebliche Schwierigkeiten. Die astronomisch hohen Jahreszahlen der vorsintflutlichen Könige – bis zu 43.200 Jahre für einen einzelnen Herrscher – erscheinen biologisch unmöglich. Zudem lassen sich viele der genannten vorsargonischen Herrscher durch keine anderen frühzeitlichen Quellen verifizieren. Diese Probleme führten dazu, dass die SKL häufig als mythisch-propagandistisches Konstrukt abgetan wurde, das primär der Legitimierung der Akkad-Dynastie gedient habe.

Eine Neuübersetzung, die auf den ursprünglichen Bedeutungen der sumerischen Keilschriftzeichen basiert – anstatt auf späteren sumerisch-akkadischen Wörterbüchern –, eröffnet jedoch eine völlig andere Perspektive. Die vorliegende Übersetzung zeigt, dass die SKL weder eine naive Herrscherliste noch ein Propagandadokument ist, sondern ein komplexes System zur Dokumentation der göttlichen und menschlichen Arbeitsleistungen, die für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation aufgewendet wurden.

Die zentralen Erkenntnisse dieser Neuinterpretation lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Die Jahreszahlen dokumentieren keine Regierungszeiten einzelner Könige, sondern akkumulierte Arbeitsleistungen aller an einem zivilisatorischen Entwicklungsschritt beteiligten Akteure – sowohl Götter als auch Menschen.
  2. Viele der vermeintlichen Königsnamen sind in Wirklichkeit semantisch transparente Beschreibungen historischer Ereignisse oder kultureller Entwicklungen.
  3. Der Text enthält Berichte über die Genesis und die Sintflut sowie Erwähnungen biblischer Figuren wie Adam und Noah.

Die SKL als Liste göttlicher Arbeitsleistungen

Die Jahreszahlen als akkumulierte Arbeitsleistungen

Der Schlüssel zum Verständnis der astronomisch hohen Zahlen in der SKL liegt in der korrekten Übersetzung der wiederkehrenden Formel „mu N i₃-ak“. Die traditionelle Übersetzung „er regierte N Jahre“ erweist sich als grundlegendes Missverständnis.

Eine zeichenbasierte Analyse ergibt stattdessen: „Dies nahm N Arbeitsjahre der Großen in Anspruch.“ Die Formel dokumentiert also nicht die Lebens- oder Regierungszeit eines einzelnen Menschen, sondern die Gesamtheit der Arbeitsleistungen, die von Göttern und anderen „Großen“ für einen bestimmten zivilisatorischen Entwicklungsschritt aufgewendet wurden.

Diese Interpretation löst das Rätsel der vorsintflutlichen Zahlen: Wenn für die Eridu-Periode 64.800 Arbeitsjahre angegeben werden, dann bezeichnet dies nicht die biologisch unmögliche Lebenszeit zweier Individuen, sondern die Summe aller göttlichen und menschlichen Anstrengungen, die für die Etablierung der ersten Verwaltungsstrukturen erforderlich waren.

Am Ende jeder Dynastie erscheint eine Summenformel, die dieses Prinzip bestätigt: „Diese M Arten des Königtums benötigten N Arbeitsjahre der Großen zur Vollendung.“ Die Einzelangaben bilden ein konsistentes System der Akkumulation.

Königsnamen als Ereignisbeschreibungen

Ein weiterer Schlüssel zur Neuinterpretation liegt in der Erkenntnis, dass das Sumerische als agglutinierende Sprache anders funktioniert als indoeuropäische Sprachen. Während in Sprachen wie Deutsch oder Akkadisch Eigennamen meist undurchsichtige, nicht weiter analysierbare Einheiten darstellen, ergibt sich bei vielen Autoren die Bedeutung sumerischer Wörter transparent aus der Kombination ihrer einzelnen Keilschriftzeichen.

Was traditionell als Königsname „Alulim“ gelesen wurde, bedeutet tatsächlich: „Die Arbeitsleistung der Menschen, die Beaufsichtigung großer Menschen.“ Es handelt sich nicht um den Namen einer Person, sondern um die Beschreibung einer zivilisatorischen Errungenschaft – nämlich der Etablierung von Arbeitsorganisation und Aufsichtsstrukturen.

Ähnlich verhält es sich mit „Alalgar“: „Die Arbeitsleistung der Priester, die als neue Institution eingesetzt wurden und deren Aufgabe es ist, Bindungen zu ihren Städten zu schaffen.“ Hier wird die Entstehung des Priestertums als Institution dokumentiert.

Diese Lesart erklärt, warum viele „Herrscher“ der SKL in anderen Quellen nicht belegt sind: Es handelt sich gar nicht um Personen, sondern um Beschreibungen von Entwicklungsphasen. Die systematische Verwechslung von Kausalität mit Genealogie hat in der traditionellen Übersetzung zu absurden Herrscherlisten geführt, in denen abstrakte Konzepte als Könige erscheinen.

Das Konzept des „nam-lugal“

Das sumerische Wort „lugal“, traditionell als „König“ übersetzt, besteht aus zwei Zeichen: „gal“ (groß/bedeutend) und „lu₂“ (Mensch). Die wörtliche Bedeutung ist also „menschlicher Großer“ oder „der Große/Bedeutende mit menschlichem Körper“.

Ein „lugal“ unterscheidet sich von anderen Menschen nicht durch das Innehaben eines Throns, sondern durch das Vollbringen bedeutender Taten. Diese Definition erklärt, warum in der SKL auch Personen als „lugal“ bezeichnet werden können, die keine Könige im konventionellen Sinne waren: Sie waren „bedeutend“ im Hinblick auf ihre zivilisatorische Wichtigkeit.

Das „nam-lugal“, das „Schicksal des Königtums“, ist entsprechend keine vererbbare Position, sondern eine göttliche Berufung, die Menschen zu Instrumenten des zivilisatorischen Fortschritts macht. Die Formulierung, dass das Schicksal des Königtums „vom Himmel herabkam“, begründet die göttliche Legitimation aller historischen Entwicklung.

Die dramatisch abnehmenden Arbeitsjahre

Ein besonders aufschlussreiches Muster zeigt sich in der dramatischen Abnahme der Arbeitsjahre über den Verlauf der SKL:

Die Zahlen sinken von über hunderttausend Jahren auf wenige Jahrzehnte. Dieses Muster lässt sich als Ausdruck zunehmender menschlicher Kompetenz interpretieren: Je weiter die Zivilisation fortschreitet, desto weniger göttliche Unterstützung ist erforderlich. Die fundamentalen zivilisatorischen Innovationen der Frühzeit – die Etablierung von Arbeitsteilung, Priesterschaft, Rechtssystemen – erforderten immense göttliche Investitionen. Die späteren Dynastien konnten auf diesem Fundament aufbauen und benötigten entsprechend weniger göttliche Arbeitsleistung.

Dieses System einer „göttlichen Arbeitsökonomie“ ist einzigartig in der antiken Historiographie. Es konzipiert Geschichte nicht als Abfolge von Ereignissen, sondern als Verwaltungsaufgabe der Götter, die ihre Arbeitszeit strategisch einsetzen müssen, um die Menschheit voranzubringen.

Die Phasen der Zivilisationsentwicklung

Die programmatische Bedeutung der Stadtnamen

Ebenso wie die vermeintlichen Königsnamen erweisen sich auch viele Stadtnamen der SKL nicht als bloße geographische Bezeichnungen, sondern als semantisch transparente Beschreibungen. Sie charakterisieren Entwicklungsphasen der mesopotamischen Zivilisation und offenbaren ein durchdachtes System der Geschichtskonzeption.

Einige Beispiele verdeutlichen dieses Prinzip:

Bad-Tibira: „Befestigte Städte der Freude, die dem Handwerk gewidmet sind“

Hamazi: „Der Ort der Lebenskeime des Bootes, das Leben entfaltet“

Akkad: „Die Stadt, deren transformative Kraft die Erschöpfung von Ressourcen zur Erhaltung des Lebens ist“

Akšak: „Die Stadt des Lichts für die Verachteten“

Diese Übersetzungen zeigen: Die „Dynastien“ der SKL bezeichnen nicht primär politische Herrschaftsgebiete, sondern zivilisatorische Entwicklungsprogramme. Die sogenannte „Dynastie von Bad-Tibira“ dokumentiert jene Phase, in der befestigte Städte errichtet wurden, die dem Handwerk gewidmet waren. Der Name Hamazi – „der Ort der Lebenskeime des Bootes, das Leben entfaltet“ – verweist unmissverständlich auf die Arche und die Rettung des Lebens durch die Sintflut.

Besonders aufschlussreich ist die Bezeichnung Akkads als Stadt, deren transformative Kraft in der „Erschöpfung von Ressourcen“ liegt. Dies kann als nüchterne Beschreibung imperialer Expansion gelesen werden: Das Akkadische Reich unter Sargon und seinen Nachfolgern basierte auf der systematischen Ausbeutung unterworfener Gebiete.

Die vorsintflutlichen Perioden als systematische Entwicklungsstufen

Die fünf vorsintflutlichen Perioden – Eridu, Bad-Tibira, Larak, Sippar und Šuruppag – bilden eine kohärente Abfolge zivilisatorischer Grundlegungen. Jede Phase baut auf der vorherigen auf und fügt neue Elemente hinzu:

Eridu-Periode: Die Grundlegung menschlicher Organisation

  • Arbeitsleistung und Beaufsichtigung bedeutender Menschen
  • Etablierung des Priestertums als neue Institution
  • Schaffung von Bindungen zwischen Menschen und Städten

Der Text vermerkt: „Die Zuteilungen an diese Städte waren schwach.“ Dies deutet darauf hin, dass die göttlichen Ressourcen und das göttliche Wissen in dieser Frühphase noch begrenzt waren.

Bad-Tibira-Periode: Die Entstehung kultureller Führung

  • Kulturelle Führer, die als göttliche Kräfte handeln
  • Menschen und Große, deren Existenz an die Himmelsgötter gebunden ist
  • Himmelsgötter als „Fackelträger der Gerechtigkeit und Integrität, die Hirten des Volkes sind“

Der abschließende Kommentar – „Die schwachen Zuteilungen an diese Städte waren das Rohmaterial für kulturelle Führung“ – zeigt, wie aus bescheidenen Anfängen kulturelle Strukturen entstanden.

Larak-Periode: Die Etablierung gerechter Herrschaft

  • Kulturelle Führer als „gerechte und zuverlässige Hirten des Volkes“
  • Nutzung des „Überflusses der großen Dinge, aus denen erwünschte Ergebnisse hervorgehen“

Sippar-Periode: Die Einführung von Recht und Gerechtigkeit

  • Orte, „die das Licht von Utu, dem Gott der Gerechtigkeit, empfangen“
  • Kontrolle über die Erhabenen durch göttliches Recht
  • Erste Erwähnung der bemängelten „formbaren Substanz der menschlichen Seele“

Die Sippar-Periode markiert einen qualitativen Sprung: Erstmals wird die menschliche Seele als formbares Material thematisiert, das durch göttliche Einwirkung gestaltet werden kann.

Šuruppag-Periode: Die letzte vorsintflutliche Phase

  • Eine Stadt, „die die schwache Hülle der Existenz des Landes bereitstellt“, die einen einzigartigen Anlass zur Freude für die Götter bot, da dessen Herrscher göttliche Zuteilungen in ihrem Sinne nutzte und er daher zur Grundlage der nun folgenden Genesis werden konnte.

Die wiederkehrenden Städte: Kisch, Uruk und Ur

Ein auffälliges Strukturmerkmal der SKL ist die wiederholte Erwähnung dreier Städte: Kisch erscheint viermal, Uruk fünfmal und Ur dreimal. Andere wichtige sumerische Städte wie Lagash und Nippur fehlen hingegen.

Die traditionelle Forschung erklärt dies damit, dass Kisch, Uruk und Ur um die Hegemonie über Mesopotamien konkurrierten und der Titel „König von Kisch“ eine besondere legitimierende Bedeutung hatte. Diese Erklärung ist jedoch nicht vollständig befriedigend, da auch andere Städte zeitweise die Hegemonie innehatten. Im Rahmen der hier vorgestellten Neuinterpretation lässt sich ebenfalls keine eindeutige Erklärung für dieses Muster finden. Möglicherweise handelte es sich bei den Autoren der SKL um Einwohner dieser drei Städte. Die Frage verdient weitere Untersuchung.

Die zyklische Bewegung des „nam-lugal“ zwischen diesen Städten suggeriert ein Verständnis von Geschichte als Abfolge von Zentren zivilisatorischer Innovation. Jede Stadt hat ihre Zeit der Größe, in der das Schicksal des Königtums bei ihr weilt, leistet ihren spezifischen Beitrag zur Gesamtentwicklung und tritt dann zurück, wenn sich die göttliche Energie einem neuen Zentrum zuwendet.

Lokale Dynastien und ihre spezifischen Funktionen

Neben den wiederkehrenden Hauptzentren verzeichnet die SKL mehrere Dynastien, die nur einmal erscheinen, darunter Awan, Hamazi, Adab, Mari und Akšak. Diese lokalen Dynastien erfüllen spezifische narrative und historiographische Funktionen.

Awan – die getilgte Linie: Die Awan-Dynastie ist bemerkenswert, weil die Namen ihrer Herrscher in allen überlieferten Manuskripten unleserlich sind. Diese systematische Beschädigung könnte auf eine bewusste Tilgung hindeuten – eine damnatio memoriae für eine als schuldig betrachtete Linie.

Hamazi – der Ort der Arche: Mit nur einem einzigen Eintrag – Ḫadaniš, „das einzigartige Selbst zusammen mit Lebenskeimen“ – und der programmatischen Stadtbezeichnung als „Ort der Lebenskeime des Bootes“ steht Hamazi im Zentrum der Sintfluterzählung.

Adab – die Vollendung der Menschheit: Die einzigartige Zeitangabe für Adab lautet: „Dies dauerte 90 Arbeitsjahre der Großen zur Vollendung des Samens der Menschheit.“ Diese einzigartige Formulierung deutet auf einen Abschluss der menschlichen Erschaffung hin.

Mari – die Erneuerung der Seele: Die Mari-Dynastie thematisiert wiederholt die menschliche Seele: „göttliche Zuteilungen an die menschliche Seele“, „die erneuerte Seele der denkenden Menschen“, „die Energieentfaltung der beklagten formbaren Substanz der Seele, die priesterlich gereinigt wird“. Mari erscheint als Ort der seelischen Regeneration nach der Sintflut.

Genesis, die Sintflut und Gilgamesch

Die traditionelle Interpretation der SKL geht davon aus, dass der Text durch die Sintflut in zwei Teile gegliedert wird: die vorsintflutliche und die nachsintflutliche Zeit. Die Neuübersetzung zeigt jedoch ein komplexeres Bild. Sowohl die Genesis als auch die Sintflut werden im Text beschrieben, aber an anderen Stellen als bisher angenommen.

Die Genesis in Kisch I

Der Abschnitt, der traditionell als Beschreibung der Sintflut verstanden wurde, erweist sich bei genauer Analyse als Beschreibung der Genesis – der Erschaffung beziehungsweise Umgestaltung des Menschen.

Dieser Abschnitt erscheint unmittelbar nach der Šuruppag-Periode, die als letzte der fünf vorsintflutlichen Perioden jene beschreibt, „die die Wurzel der Innovation bezüglich der Erhabenheit sind“ – also jene Menschen, die sich aufgrund göttlicher Einflussnahme im Sinne der Götter verhielten. Der entscheidende Satz lautet in der Neuübersetzung:

„Die transformative Kraft für die schwachen menschlichen Behälter nutzt die Zuteilungen an jene, die die Wurzel der Innovation bezüglich der Erhabenheit sind. Nach Vollendung der transformativen Kraft für die schwachen menschlichen Behälter wurden die Zuteilungen genutzt und entglitten jenen, die die Wurzel der Innovation bezüglich der Erhabenheit waren.“

Die „transformative Kraft für die schwachen menschlichen Behälter“ bezeichnet nicht die zerstörerische Kraft des Wassers, sondern die schöpferische Kraft der Götter, die den Menschen eine Seele verlieh. Die „menschlichen Behälter“ sind die menschlichen Körper, die durch göttliches Eingreifen mit Bewusstsein und Seele ausgestattet wurden.

Diese Interpretation wird durch die nachfolgenden Einträge in Kisch I gestützt:

„Die Kraft, deren Existenz an unsichtbare Kräfte der Himmelsgötter gebunden ist und die invasiv auf die einzigartige Energieentfaltung der menschlichen Behälter einwirkt (und sie formt)“ (historisch: König Nanĝišlišma)

„Die unsichtbare Kraft, die durch das furchteinflößende Urteil über kulturelle Führung definiert ist, die an die Himmelsgötter gebunden ist“ (historisch: König En-Taraḫ-anake)

Diese Passagen beschreiben, wie göttliche Kräfte auf die „Energieentfaltung der menschlichen Behälter“ – das heißt auf die neuronale Entwicklung des menschlichen Gehirns – einwirkten. Der Zweck dieser Intervention war es, Menschen zu befähigen, eine Hochkultur mit sozialer Stratifikation zu errichten.

Das Keilschriftzeichen 𒁰 (taraḫ), das in diesen Passagen erscheint, zeigt vermutlich einen Mund in Seitenansicht, der eine autoritative Aussage mit schwerwiegenden Konsequenzen macht. Es kann als „furchteinflößendes Urteil“ übersetzt werden. Die zweite Bedeutung des Zeichens – „Steinbock“ – verweist auf Tiere, die für ihr Stoßen bekannt sind, was die Interpretation als einschneidende, impaktartige Intervention unterstützt.

Interessanterweise erlaubt der Text auch eine alternative Lesung, wenn man ein bestimmtes Zeichen – das „leere Zeichen“ für „unsichtbare Kraft“ – weglässt:

„Der einschlagende Himmelsstein, die bezeugte Energieentfaltung des Landes“

„Der kulturelle Führer, der durch das einschlagende Objekt des Himmels definiert ist, das Zerstörung verursacht“

Diese alternative Lesung deutet auf einen Meteoriteneinschlag hin. Es scheint, als habe der Autor beabsichtigt, beide Lesarten anzubieten, wobei die zweite als Metapher für die erste dient: Die göttliche Intervention in die menschliche Entwicklung war so einschneidend wie ein kosmischer Einschlag.

Die Sintflut in Uruk I

Die eigentliche Beschreibung der Sintflut findet sich nicht am traditionell angenommenen Ort, sondern in der Uruk-I-Dynastie, nach dem Eintrag über Gilgamesch. Die relevanten Passagen lauten:

Der Überfluss des zugeteilten Wassers, das freigesetzt wird (historisch: König Laba’šum): Dies nahm 9 Arbeitsjahre der Großen in Anspruch.

En-nun-taraḫ-ana, der kulturelle Führer, dessen Existenz an das furchteinflößende Urteil der Himmelsgötter über die Erhabenheit gebunden ist: Dies nahm 8 Arbeitsjahre der Großen in Anspruch.

Die erste Passage beschreibt unmissverständlich eine Flut: „zugeteiltes Wasser, das freigesetzt wird“. Die zweite Passage erklärt den Grund für die Flut: ein „furchteinflößendes Urteil der Himmelsgötter über die Erhabenheit“. Die Sintflut war demnach eine göttliche Strafe für das Fehlverhalten der Erhabenen – jener Menschen, die durch die Genesis mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet worden waren, diese aber missbrauchten.

Das Thema der Sintflut durchzieht auch andere Abschnitte der SKL. Die Dynastien von Awan, Hamazi, Adab und Mari enthalten alle Bezüge zu Wasser, Booten und der Rettung von Lebenskeimen.

Gilgamesch – eine ambivalente Figur

Die Beschreibung des Gilgamesch in der SKL ist bemerkenswert vielschichtig und ambivalent. Der vollständige Eintrag lautet:

„Gilgamesch, der invasive Akteur, der auf die Himmelsgötter abzielt, indem er ihre Ressourcen erschöpft, der Narr, der Schaden verursacht, der göttliche Holzfäller, dessen Ressource zur Erhaltung des Lebens das Verlassen auf seine eigene Stärke ist; Derjenige, dessen zugeteilte Quelle der Lebenskraft das, was das Selbst ausmacht, defekt machte. Der kulturelle Führer, (der) derjenige war, dessen Leben (aus der Perspektive der Götter) der Vereinigung der zugeteilten Quellen der Lebenskraft gewidmet war“

Die Beschreibungen enthalten sowohl negative als auch positive Elemente:

Negative Aspekte:

  • „Der invasive Akteur, der auf die Himmelsgötter abzielt, indem er ihre Ressourcen erschöpft“ – Gilgamesch griff in die göttliche Sphäre ein und beutete göttliche Ressourcen aus.
  • „Der Narr, der Schaden verursacht“ – seine Handlungen werden als töricht und schädlich bewertet (aus einer alternativen Schreibweise des Namens hergeleitet).
  • „Dessen zugeteilte Quelle der Lebenskraft das, was das Selbst ausmacht, defekt machte“ – seine göttliche Begabung führte zu einer Beschädigung seines eigenen Wesens.

Positive Aspekte:

  • „Dessen Leben der Vereinigung der zugeteilten Quellen der Lebenskraft gewidmet war“ – aus göttlicher Perspektive diente sein Leben einem höheren Zweck.
  • „Die Existenz einer schützenden Hülle für den Ort der Gemeinschaft, die durch die Loyalen des großen göttlichen Erhabenen (Gilgamesch) ermöglicht wurde“ – die Fertigstellung der großen Mauern von Uruk.

Diese Ambivalenz spiegelt die komplexe Rolle des Gilgamesch in der mesopotamischen Tradition wider. Er ist sowohl Held als auch Übertreter, sowohl göttlich begabt als auch menschlich fehlbar. Die SKL zeigt ihn als jemanden, dessen außergewöhnliche Fähigkeiten in erster Linie destruktiv wirkten.

Dann folgt die Sintflut:

„Der Überfluss des zugeteilten Wassers, das freigesetzt wird“

Die narrative Sequenz suggeriert einen kausalen Zusammenhang: Die Handlungen des Gilgamesch führten zu einem Zustand, der das göttliche Urteil – die Sintflut – provozierte.

Chronologische Einordnung der Dynastien

Gilgamesch vor der Sintflut

Die Neuübersetzung führt zu einer überraschenden chronologischen Erkenntnis: Gilgamesch lebte vor der Sintflut, nicht danach. In der SKL erscheint Gilgamesch in der Uruk-I-Dynastie vor den Einträgen, die die Sintflut beschreiben.

Diese Erkenntnis steht scheinbar im Widerspruch zum Gilgamesch-Epos, in dem der Held Utnapishtim, den Überlebenden der Sintflut, aufsucht und von ihm die Geschichte der großen Flut erfährt. Eine genauere Betrachtung der Textgeschichte des Gilgamesch-Epos löst diesen Widerspruch jedoch auf.

Die Sintfluterzählung gehört wahrscheinlich nicht zu den ursprünglichen sumerischen Gilgamesch-Erzählungen. Sie wurde erst um das 12. Jahrhundert v. Chr. in die Erzählung eingefügt und erscheint nur in der Version des Epos, die dem Schreiber Sin-leqi-unninni zugeschrieben wird.

Einige Forscher haben vorgeschlagen, dass eine frühere Form der Geschichte möglicherweise damit endete, dass Siduri Gilgamesch nach Uruk zurückschickte, und dass Utnapishtim ursprünglich gar nicht Teil der Erzählung war. Die Sintfluterzählung wurde aus dem älteren Atrahasis-Epos übernommen und in das Gilgamesch-Epos eingefügt, weil die Unsterblichkeit des Fluthelden Utnapishtim zum Thema der Unsterblichkeitssuche im Epos passte. Die Begegnung zwischen Gilgamesch und Utnapishtim ist demnach eine literarische Konstruktion späterer Redakteure, keine historische Überlieferung.

Die SKL hingegen, die als ältere und unabhängige Quelle gelten kann, ordnet Gilgamesch chronologisch vor der Sintflut ein. Diese Einordnung hat weitreichende Konsequenzen für die Datierung. Aufgrund von Flutablagerungen in Šuruppag, die auf etwa 2950 v. Chr. datiert werden, wird die Sintflut üblicherweise in diese Zeit eingeordnet. Wenn Gilgamesch jedoch vor der Sintflut lebte, muss er nicht um 2600 v. Chr. gelebt haben, wie gemeinhin angenommen, sondern etwa 500 Jahre früher – um 3100 v. Chr.

Diese Neudatierung impliziert auch, dass die Genesis etwa 500 Jahre vor der Sintflut stattfand, also um 3500 v. Chr. Alle Ereignisse zwischen der Genesis und Uruk III müssen entsprechend früher datiert werden als in der traditionellen Mittleren Chronologie angenommen.

Die folgende Abbildung zeigt die resultierende chronologische Einordnung der Dynastien:

Königdynastien aus der sumerischen Königsliste

Chronologische Einordnung der Königsdynastien aus der sumerischen Königsliste (4000–1800 v. Chr.). Die Abbildung unterscheidet zwischen überregionalen Dynastien, die große Teile Sumers beeinflussten (blau) und Dynastien einzelner sumerischer Stadtstaaten (grün). Die transparenten grünen Balken zeigen an, dass die Städte Kisch, Uruk und Ur laut archäologischen Ausgrabungen während des gesamten betrachteten Zeitraums existierten. Der Beginn der Eridu-Phase (um 5300 v. Chr.) liegt außerhalb des dargestellten Zeitraums.

Die Abbildung verdeutlicht mehrere wichtige Aspekte:

  1. Die vorsintflutlichen Perioden (Eridu, Bad-Tibira, Larak, Sippar, Šuruppag) erstrecken sich von etwa 5300 bis 3500 v. Chr. und sind als überregionale Phasen dargestellt.
  2. Die Genesis wird um 3500 v. Chr. eingeordnet, die Sintflut um 2950 v. Chr.
  3. Gilgamesch erscheint in Uruk I, chronologisch vor der Sintflut.
  4. Die Dynastien überlappen sich stark – sie lösen einander nicht einfach ab, sondern existieren teilweise parallel.
  5. Die wiederkehrenden Städte Kisch, Uruk und Ur (linke Seite) durchlaufen mehrere Phasen, während die lokalen Dynastien (rechte Seite) nur einmal erscheinen.

Verbindungen zum Alten Testament

Die Neuübersetzung der SKL offenbart bemerkenswerte Entsprechungen zu den Genealogien und Erzählungen der Genesis. Diese Verbindungen manifestieren sich in zwei zentralen Identifikationen, die neue Perspektiven auf die Entstehung der biblischen Urgeschichte eröffnen.

Meskiagasher und Adam

Der erste Kulturheld nach der Genesis in der SKL trägt Züge, die ihn als mesopotamisches Gegenstück zu Adam identifizieren. Der Eintrag zu Meskiagasher in Uruk I lautet:

„Meskiagasher, der Mann, der sich auf seine eigene Stärke verlässt, dessen zugeteilte Ressource die Erde ist, dessen Ressource zur Erhaltung des Lebens das beklagte Getreide ist, der Fackelträger des Gottes Utu, der durch göttliches Eingreifen kultureller Führer und König war“

Mehrere Elemente verweisen auf Adam:

  • „Dessen zugeteilte Ressource die Erde ist“ – Adam wurde aus Erde geschaffen und ihm wurde die Erde zur Bewirtschaftung übergeben.
  • „Dessen Ressource zur Erhaltung des Lebens das beklagte Getreide ist“ – Dies erinnert an den Fluch über Adam: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ (Genesis 3,19).
  • „Der Fackelträger des Gottes Utu“ – Utu ist der Gott der Gerechtigkeit. Adam war der erste Mensch, der moralisches Urteilsvermögen erhielt.

Besonders aufschlussreich ist der unmittelbar folgende Satz:

„Meskiagashers Quelle der Lebenskraft trat durch die Himmelsgötter in den Zustand der göttlichen Zuteilung ein. Die göttlichen Bindungen an das, was die menschliche Existenz erhält, wurden von den Himmelsgöttern als Lieferung am unvollendeten Arbeitsplatz zur Vollendung des Hauptteils platziert.“

Diese Passage beschreibt, wie Meskiagasher eine neue Art von Seele erhielt – seine „Quelle der Lebenskraft“ wurde durch die Himmelsgötter in einen neuen Zustand versetzt. Dies entspricht der biblischen Vorstellung, dass Gott Adam den Lebensodem einhauchte und ihn damit von allen anderen Geschöpfen unterschied.

Ḫadaniš und Noah – Hamazi als Ort der Arche

Die deutlichste Verbindung zwischen der SKL und der biblischen Tradition findet sich in der Dynastie von Hamazi. Der Stadtname selbst – „der Ort der Lebenskeime des Bootes, der das Leben entfaltet“ – ist eine unmissverständliche Beschreibung der Arche Noah.

Der einzige Eintrag dieser Dynastie lautet:

„Ḫadaniš, das einzigartige Selbst zusammen mit Lebenskeimen, der König durch göttliches Eingreifen war: Dies nahm 6 šu-ši Arbeitsjahre der Großen in Anspruch.“

Die Beschreibung „das einzigartige Selbst zusammen mit Lebenskeimen“ macht unmissverständlich klar, worum es geht: um einen einzelnen Menschen, der zusammen mit den Keimen des Lebens – den Tieren und seinen Verwandten auf der Arche – gerettet wurde. Dies ist Noah, der Bewohner der Arche.

Die Gleichsetzung von Ḫadaniš mit Ziusudra (dem sumerischen Namen) und Noah (dem biblischen Namen) stellt die direkteste Verbindung zwischen den Traditionen dar. Alle drei Figuren erfüllen dieselbe narrative Funktion: Sie sind die einzigen Überlebenden der Sintflut, die das Leben auf der Erde bewahren.

Der letzte Eintrag: Suen-magir und das Boot mit den Samen des Lebens

Ein bemerkenswertes Detail findet sich am Ende der SKL, im letzten Eintrag der Isin-Dynastie:

„Suen-magir, der göttliche kulturelle Führer mit Wissen über das Boot mit den Samen des Lebens: Dies dauerte 11 Arbeitsjahre der Großen.“

Die SKL endet also mit einem Rückverweis auf die Arche – „das Boot mit den Samen des Lebens“. Diese Rahmung ist kaum zufällig. Der Text, der mit der Erschaffung des Königtums beginnt und die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation durchläuft, schließt mit einer Erinnerung an jenes Ereignis, das die Kontinuität des Lebens durch die größte Katastrophe hindurch sicherte.

Suen-magir wird als jemand beschrieben, der „Wissen über“ dieses Boot besitzt. Dies könnte bedeuten, dass er Hüter der Überlieferung war, der das Wissen über die Sintflut und die Rettung bewahrte – ähnlich wie die biblischen Patriarchen, die die Geschichte von Generation zu Generation weitergaben. Es könnte auch bedeuten, dass Suen-magir der letzte Autor der Königsliste war.

Von Stadtdynastien zu Familiengeschichte: Die biblische Transformation

Die Namenskorrespondenzen zwischen der SKL und der Genesis sind mehr als interessante Kuriositäten. Sie bezeugen einen gemeinsamen altorientalischen Erzählkomplex, der in verschiedenen Kulturen unterschiedlich akzentuiert wurde.

Die biblische Version zeichnet sich durch eine konsequente Genealogisierung aus: Was in der SKL als Stadtdynastien und Ereignisbeschreibungen erscheint, wird in der Genesis zu Familiengeschichte transformiert. Die Entwicklungsphasen ganzer Zivilisationen werden zu Lebensgeschichten einzelner Patriarchen verdichtet.

Diese Transformation folgt einem klaren theologischen Programm:

  1. Monotheistische Verdichtung: Die polytheistische Vielstimmigkeit der SKL – mit ihren zahlreichen Himmelsgöttern, Stadtgöttern und göttlichen Kräften – wird in der Genesis zur Handlung eines einzigen Gottes zusammengefasst.
  2. Zeitliche Verdichtung: Der langsame Prozess der göttlichen Gestaltung moderner Menschen, der in der SKL tausende von Jahren umfasste, wird auf im Alten Testament auf wenige Tage verdichtet.
  3. Moralisierung: Die SKL dokumentiert Erfolge und Misserfolge der Zivilisationsentwicklung relativ neutral. Die Genesis deutet dieselben Ereignisse als moralische Geschichte von Gehorsam und Ungehorsam, Sünde und Strafe.

Die entscheidende Leistung der biblischen Autoren lag nicht in der Erfindung neuer Erzählungen, sondern in der radikalen theologischen Umcodierung vorhandenen Materials. Die grundlegenden narrativen Strukturen blieben erkennbar, erhielten aber eine neue Bedeutung: Göttliche Arbeitsjahre wurden zu göttlicher Vorsehung, wechselnde Stadtschicksale wurden zur Geschichte auserwählter Familien.

Das vermittelte Weltbild

Die Neuübersetzung der SKL eröffnet grundlegende Einblicke in das sumerische Weltbild und seine Konzeption historischer Prozesse. Der Text erweist sich nicht als naive Herrscherliste, sondern als Ausdruck einer komplexen Geschichtsphilosophie.

Geschichte als göttlich geleiteter Zivilisationsprozess

Im Zentrum des sumerischen Geschichtsverständnisses steht das Konzept des „nam-lugal“, des Schicksals des Königtums. Die wiederkehrende Einleitungsformel macht dies deutlich:

„Der Prozess der Zuweisung des Schicksals des Königtums, der auf die Einflusssphäre der Himmelsgötter angewandt wird, indem er an diesem unvollendeten Ort als Ressource platziert wird, verleiht das Schicksal des Königtums an…“

Geschichte ist in dieser Perspektive nicht das Ergebnis menschlicher Entscheidungen oder zufälliger Ereignisse, sondern die Verwirklichung eines göttlichen Plans zur Zivilisationsentwicklung. Die Formulierung, dass das Schicksal des Königtums vom Himmel herabkam, begründet die göttliche Legitimation aller historischen Entwicklung.

Das nam-lugal ist dabei keine statische Gabe, sondern ein dynamischer Prozess. Es „geht“ oder „wird gebracht“ zu verschiedenen Orten, je nachdem, wo die Götter den nächsten Entwicklungsschub der Zivilisation initiieren wollen. Die scheinbar willkürlichen Machtwechsel zwischen verschiedenen Städten in der SKL erhalten so einen tieferen Sinn: Jede Stadt empfängt das Schicksal des Königtums für eine bestimmte Aufgabe und gibt es weiter, wenn diese erfüllt ist.

Diese Konzeption schließt nicht aus, dass andere Städte zur selben Zeit ebenfalls Herrscher hatten, die sich Könige nannten. Die SKL beansprucht nicht, eine vollständige Liste politischer Herrscher zu liefern. Sie dokumentiert vielmehr, wo zu einem bestimmten Zeitpunkt der Schwerpunkt der göttlich gelenkten Zivilisationsentwicklung lag.

Die Interaktion zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre

Das System der akkumulierten Arbeitsleistungen offenbart ein komplexes Verständnis der Wechselwirkung zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre. Die Menschen sind in dieser Konzeption zugleich Akteure und Instrumente – sie vollbringen „bedeutende Taten“, werden dabei aber von göttlichen Kräften gelenkt und unterstützt.

Die vorsintflutlichen Perioden erforderten immense göttliche Investitionen, weil die grundlegenden Strukturen der Zivilisation erst geschaffen werden mussten. Die Etablierung von Arbeitsteilung, Priesterschaft, Rechtswesen und städtischer Organisation waren Aufgaben, die Menschen allein nicht bewältigen konnten. Mit zunehmendem Fortschritt der Zivilisation wurden die Menschen jedoch fähiger, zivilisatorische Aufgaben mit weniger göttlicher Unterstützung zu meistern.

Diese Vorstellung impliziert eine Art göttlicher Pädagogik: Die Götter arbeiten darauf hin, dass die Menschen sich selbstständiger fühlen. Das Ziel ist nicht ewige Bevormundung, sondern schrittweise Emanzipation – freilich innerhalb der von den Göttern gesetzten Ordnung.

Gleichzeitig zeigt die SKL, dass Rückschläge möglich und katastrophal sind. Die Sintflut war eine solche Katastrophe. Doch selbst nach der größten Zerstörung bleibt der grundlegende Impuls zur Zivilisationsentwicklung erhalten, weil er göttlichen Ursprungs ist.

Die rhetorische Frage im Akkad-Abschnitt

Ein bemerkenswertes Beispiel für die Selbstreflexion des Textes findet sich in der Akkad-Dynastie. Nach der Aufzählung der großen Könige – Sargon, Rimuš, Maništiššu, Naram-Suen und Šar-kali-šarri – erscheint eine rhetorische Frage:

„Welche göttlichen Zuteilungen unterstützten das Königtum? Welche göttlichen Zuteilungen scheiterten daran, das Königtum zu unterstützen?“

Diese Frage ist einzigartig in der SKL. Der Text unterbricht seinen dokumentarischen Stil, um explizit über Erfolg und Misserfolg zu reflektieren. Die darauf folgenden vier Einträge beantworten die Frage:

„Die dauerhaft wiederholte Klage des Königs“ (historisch: König Irgigi) „Die dunkle Lebenskraft des Königs“ (historisch: König Imi) „Die gescheiterte Stärkung der unsichtbaren Kräfte des Königs“ (historisch: König Nanum) „Die Lebenskraft der untergeordneten Menschen des Königs“ (historisch: König Ilulu)

Diese vier Einträge beschreiben keine Herrscher, sondern Faktoren des Niedergangs: Klage, Dunkelheit, gescheiterte Stärkung, Abhängigkeit von Untergeordneten. Der Text analysiert, warum das mächtige Akkadische Reich zusammenbrach.

Die lakonische Bemerkung „Diese vier Dinge benötigten 3 Arbeitsjahre der Großen zur Vollendung“ unterstreicht die Rapidität des Verfalls: Was Generationen aufgebaut hatten, zerfiel in kürzester Zeit.

Diese Passage zeigt, dass die SKL kein bloßes Verzeichnis ist, sondern ein reflektiertes Werk, das über die Bedingungen von Aufstieg und Fall nachdenkt. Die Götter unterstützen die Zivilisationsentwicklung, aber ihre Unterstützung kann auch scheitern – sei es durch menschliches Versagen, durch Dürren, oder durch das Fehlen der richtigen göttlichen Zuteilungen.

Zeit als qualitative Akkumulation von Arbeitsleistungen

Das Zeitverständnis, wie es in der SKL zum Ausdruck kommt, unterscheidet sich grundlegend von modernen Vorstellungen. Zeit wird nicht primär linear gemessen, sondern qualitativ als Akkumulation von Arbeitsleistungen verstanden.

Die Frage „Wie lange dauerte diese Periode?“ wird nicht beantwortet mit „X Jahre vergingen“, sondern mit „X Arbeitsjahre waren erforderlich“. Der Unterschied ist fundamental: Es geht nicht um das bloße Verstreichen von Zeit, sondern um die Menge an Arbeit, die investiert wurde.

Diese Konzeption erklärt, warum die Zahlen der SKL nicht als chronologische Angaben im modernen Sinne verstanden werden können. Sie messen nicht die Dauer, sondern den Aufwand. Eine Phase, die 108.000 Arbeitsjahre erforderte, war nicht notwendigerweise länger als eine Phase mit 108 Arbeitsjahren – sie war aufwendiger.

Fortschritt ist in diesem Verständnis nicht automatisch oder unvermeidlich. Er erfordert kontinuierliche Anstrengungen sowohl von Göttern als auch von Menschen. Die abnehmenden Zahlen im Verlauf der SKL zeigen, dass diese Anstrengungen mit der Zeit effizienter wurden – nicht dass weniger gearbeitet wurde, sondern dass die gleiche Arbeit mehr Wirkung zeigte.

Schlussbetrachtung

Die Neuübersetzung der Sumerischen Königsliste markiert einen Wendepunkt in unserem Verständnis dieses Schlüsseltextes der altmesopotamischen Historiographie. Die konsequente Anwendung einer zeichenbasierten Übersetzungsmethode hat einen Text zugänglich gemacht, der sich als weit komplexer erweist als bisher angenommen.

Die SKL ist nicht das naive Produkt einer Frühzeit, die Mythos und Geschichte nicht unterscheiden konnte. Sie ist ein durchdachtes System zur Dokumentation der Zivilisationsentwicklung, das verschiedene Realitätsebenen – göttliche und menschliche – in eine kohärente Gesamterzählung integriert.

Drei zentrale Erkenntnisse kristallisieren sich heraus:

  • Erstens erweist sich die SKL nicht als chronologische Herrscherliste, sondern als Dokumentation göttlicher und menschlicher Arbeitsleistungen für die Entwicklung der Zivilisation. Die traditionell als Regierungslängen interpretierten Jahreszahlen stellen akkumulierte Arbeitsjahre aller am jeweiligen historischen oder mythischen Ereignis beteiligten Akteure dar. Diese Einsicht löst das seit Langdon (1923) diskutierte Problem der astronomisch hohen Zahlen: Es handelt sich nicht um biologisch unmögliche Lebenszeiten einzelner Herrscher, sondern um die Summe der Arbeitsleistungen, die zur Bewältigung bestimmter zivilisatorischer Entwicklungsphasen erforderlich waren.
  • Zweitens zeigt die Analyse, dass viele der vermeintlichen Eigennamen tatsächlich beschreibende Bezeichnungen für historische Ereignisse oder mythische Episoden darstellen. Diese semantische Transparenz ermöglicht es, narrative Strukturen zu erkennen, wo die traditionelle Übersetzung nur eine mechanische Auflistung von Namen sah.
  • Drittens offenbart die Neuübersetzung tiefe Verbindungen zwischen der SKL und dem Alten Testament. Der Text behandelt die Genesis und die Sintflut, er erklärt die Erschaffung der menschlichen Seele, und er erwähnt Figuren, die als mesopotamische Entsprechungen zu Adam (Meskiagasher) und Noah (Ḫadaniš) identifiziert werden können.

Die SKL erweist sich damit als Schlüsseltext nicht nur für die Mesopotamistik, sondern für unser Verständnis der Entstehung historischen Bewusstseins überhaupt. Sie dokumentiert vielleicht den ersten Versuch der Menschheit, die eigene Entwicklung in einen größeren, sinnhaften Zusammenhang zu stellen und dabei verschiedene Traditionen, Mythen und historische Erinnerungen zu einer Gesamterzählung zu synthetisieren.

Die Verbindungen zur biblischen Tradition zeigen, dass die großen Erzählungen der Genesis – Schöpfung, Sündenfall, Sintflut – nicht isolierte Erfindungen waren, sondern Teil eines gemeinsamen altorientalischen Erzählkomplexes, der in verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausgestaltet wurde. Die biblischen Autoren haben dieses Material nicht erfunden, sondern theologisch transformiert: Die polytheistische Vielstimmigkeit wurde zur monotheistischen Heilsgeschichte, die Stadtdynastien wurden zu Familiengeschichten, die dokumentarische Neutralität wurde zur moralischen Erzählung.

Gleichzeitig mahnt die Untersuchung zur methodischen Bescheidenheit. Die Komplexität und Fremdheit des sumerischen Denkens widersetzen sich einfachen Interpretationen. Jeder Fortschritt im Verständnis eröffnet neue Fragen und zeigt die Grenzen unseres Wissens. Trotz der hier vorgelegten Neuübersetzung bleibt die SKL ein rätselhafter Text, der weitere Generationen von Forschern herausfordern wird.

Die sumerische Kultur als eine der Wurzeln unserer Zivilisation verdient die Anstrengung einer solchen Neuinterpretation. Die SKL, dieser außergewöhnliche Text an der Schwelle der Geschichte, hat uns noch viel zu erzählen – wenn wir bereit sind, genau hinzuhören.

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